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Viele Rechtsgelehrte waren sich schon vor dem Strassburger-Urteil einig, dass verdeckte Überwachungen einen nicht unerheblichen Eingriff in die Privatsphäre bedeuten und andererseits die gesetzlichen Grundlagen in der Schweizerischen Sozialversicherungsgesetzgebung viel zu schwammig formuliert sind. Dass staatliche Eingriff in Grundrechte einer gesetzlichen Grundlage bedürfen stellt ein fundamentales rechtsstaatliches Prinzip dar. Das Urteil des Bundesgerichts ist unter diesem Aspekt ausdrücklich zu begrüssen.

Was hingegen nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass das Bundesgericht trotz der Unzulässigkeit von Überwachungen davon ausgeht, dass solches Beweismaterial gleichwohl von der IV und den Gerichten verwertet werden darf. Das Bundesgericht rechtfertigt dies mit einer Interessenabwägung: Das Interesse der Allgemeinheit an der Aufdeckung des Versicherungsmissbrauchs sei höher zu gewichten als das Interesse der versicherten Person auf Achtung ihrer Privatsphäre.
Dies bedeutet konkret, dass in Fällen, in denen solche Observationen bereits durchgeführt worden sind, diese trotz fehlender gesetzlicher Grundlage verwertet werden dürfen. Es ist unbestritten, dass ein erhebliches öffentliches Interesse an der Aufdeckung von Versicherungsmissbrauch besteht.
Auf der anderen Seite stellt jedes Observationsvideo bereits eine Stigmatisierung der versicherten Person dar. Oftmals wird mit diesen Observationen nichts Spektakuläres aufgedeckt. In den Observationsberichten ist dann bspw. zu lesen: „Zielperson lacht“, „fährt mit dem Auto“, „telefoniert“.

Zu Recht kritisieren Gächter/Meier das Urteil in einer aktuellen juristischen Publikation (vgl. Thomas Gächter / Michael E. Meier, Rechtswidrige Observationen in der IV –Verwertbarkeit der Observationserkenntnisse, in: Jusletter 14. August 2017 vom 14.8.2017): Aufgrund der Überlegungen des Bundesgerichts sei kaum ein Fall denkbar, in welchem die Interessenabwägung zu Gunsten der versicherten Person ausfalle. Das Bundesgericht habe die Verwertung des Beweismaterials im Spannungsfeld zwischen rechtlicher und politischer Interessen „in ziemlich freier Rechtsfindung“ zugelassen. Die Rechtsprechung des Bundesgerichts leide zudem an einem unauflösbaren Widerspruch: Es bestehe ein absolutes Verwertungsverbot für Beweise, welche auf gesetzmässigem Weg nicht verwendet werden könnten, so das Bundesgericht. Dies stellt eine „unüberwindbare Hürde“ dar, so die Autoren. Da die Invalidenversicherung bislang keine genügende gesetzliche Grundlage für Observationen habe, müsste daher das absolute Verwertungsverbot greifen.